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Kalendergeschichte März 2019

RSSPrint

Aufwachsen in der Marinesiedlung am Schlachtensee

Als ich 5 Jahre war, zogen wir 1959 in die Marinesiedlung, Straße am Schlachtensee. Es waren kinderreiche Zeiten und die Siedlung mit viel Platz zwischen den Häusern eignete sich wunderbar zum Versteckspielen, Ballspielen, Eckenzeck, Rollschuhlaufen…

Die größeren Geschwister mussten sich um die Kleineren kümmern, das war manchmal lästig für die Großen und wohl auch für die Kleinen, aber war eben so. Mein Schönstes war es, wenn wir in der sogenannten Kastanienallee Völkerball spielten.

An den Teppichklopfstangen klopfte keiner mehr Teppiche, sondern wir Mädchen verbrachten ganze Nachmittage „schweinebaumelnd“ und ratschend auf und zwischen diesen Stangen. Wenn die Laternen angingen, musste man zum Abendessen nach Hause gehen. Erst viel später begriffen wir Kinder, welch ein Privileg es war, mit so viel Freiraum und mit so vielen Freunden ringsum aufzuwachsen.

Vor dem Hause der Familie von Willi Brandt stand immer ein freundlicher Schupo, der mit einer Pistole bewaffnet war. Wir bestürmten ihn, er solle mal damit schießen, aber das wollte er unverständlicherweise nie. Wenn wir in der Nachbarschaft Klingelstreiche machten, tat er dafür immer so, als hätte er nichts mitbekommen. Die eigentliche Respektsperson der Marinesiedlung war der Hausmeister, Herr Bergholz, von uns Kindern Bergi genannt. Er war streng, aber freundlich und hatte Autorität, die keiner, auch nicht die Erwachsenen in Frage stellten.

Treffpunkt der Mütter war die gemeinsame Waschküche, gut bestückt sogar mit Schleuder, Mangel und Trockner. Meine Mutter, heute fast 90 Jahre und immer noch im Marinesteig ansässig, sagt allerdings, die Waschküche sei eingerichtet worden, als mein kleiner Bruder gerade keine Windeln mehr brauchte. In der Tat erinnere ich mich diesbezüglich an den großen Windeltopf auf dem Herd, in dem täglich die Windeln „gekocht“ wurden. Anfang der 60ziger Jahre hatte wohl keine Familie eine eigene Waschmaschine in der Wohnung und die Waschküche ersetzte praktisch den Dorfbrunnen. Man schrieb sich ein, hatte feste Zeiten und wusste, auf wen man sich zum Reden und Austauschen der Neuigkeiten freuen konnte. Nie habe ich erlebt, dass es Gehässigkeiten oder Ärger gab.

Natürlich liebten und lieben alle den Schlachtensee. Wir lernten im See schwimmen, meistens an der heute schilfbewachsenen Schmalseite Richtung Nikolassee. Als wir ohne zum Schwimmring zu greifen, den unsere Mutter immer mitführte, quer über den See und zurück schwimmen konnten, durften wir alleine „runter“ gehen. Herrlich! Später hatten wir sogar ein Schlauchboot. Wenn meine Mutter oben am sogenannten  Ausguck des Marinesteigs erschien, um uns zum Essen zu rufen, drehten wir das Boot um und tauchten darunter. So waren wir weg und hofften gemeinerweise, sie zu erschrecken, was aber selten gelang, denn sie beobachtete uns mehr, als wir ahnten und wusste, dass wir sichere Schwimmer waren und gut tauchen konnten. 30 Jahre später brachte sie meinen Kindern im See das Schwimmen bei.

Im Winter rodelten wir in den sogenannten (Park-) Anlagen hinter der Siedlung Richtung Bahnhof so lange, bis wir schließlich halb erfroren nach Hause gingen. Das Auftauen der Hände und Füße tat schrecklich weh, aber am nächsten Tag zog man begeistert wieder los.

Wenn der See sicher zugefroren war, gingen wir Eislaufen – die Schlittschuhe wurden schon zu Hause angezogen. Den ganzen langgestreckten Schlachtensee entlang zu gleiten, war wunderschön. Diese Glücksgefühle kann ich heute noch spüren. Die Jungs spielten meistens lieber Eishockey, aber oft gab es auch ein wildes gemeinsames „Einkriege“-spiel und in späteren Jahren dabei so manch netten Flirt. Wenn es dämmerig wurde und das Eis krachte, wurde es herrlich gruselig.

Wenn etwas zu besorgen war, ging man ins „Dorf“. So nannten wir alle die Breisgauer Straße mit dem Markt in der Matterhornstraße. Wenn wir, was selten vorkam, „in die Stadt“ fuhren, meinte man die Fahrt nach Steglitz in die Schlossstraße. Das kam mir sehr mondän vor.

Von Nicola v. Hammerstein, geb. Rehlinger

Letzte Änderung am: 07.04.2019